Kommentar in den Reutlinger Nachrichten: Im Norden viel Neues (City Nord)

Kommentar

Im Norden viel Neues

Reutlingen, die kleinste Großstadt des Landes, ist keine richtige City. Reutlingen hat aber eine City, die in den vergangenen Monaten beständig für Schlagzeilen gesorgt hat: die City Nord. Gemeint ist das Gebiet nördlich der Eberhard- und Karl straße, für das die Stadtverwaltung gerade einen Rahmenplan erarbeitet. Mit vorbildlicher Bürgerbeteiligung – wie unablässig beteuert wird.

Eine Ankündigung, die jetzt aber erst noch eingelöst und mit Leben erfüllt werden muss. Denn die Ergebnisse, die vier Preisträger eines Ideenwettbewerbs für die künftige Entwicklung der Nordstadt geliefert haben, stießen schon bei den ersten Beteiligungs-Workshops auf reichlich Kritik. Gerade auch, was die künftige Rolle des Gebiets für den innerstädtischen Verkehr angeht.

Die Stadtverwaltung macht keinen Hehl daraus, dass sie – analog zu einigen Wettbewerbs-Entwürfen – die Karlstraße gerne zulasten der Burkhardt-Weber-Straße verkehrsberuhigen will. Die Autos sollen dann auf einer verlängerten Strecke, die genau hinter dem Kulturzentrum franz. K verlaufen müsste, in die Gutenbergstraße einmünden.

Für die Tübinger Vorstadt birgt eine solche Lösung deutliche Schleichverkehr-Gefahr, den Soziokultur-Leuten im ehemaligen französischen Kino wäre damit auf lange Sicht jeglicher Raum zur Expansion genommen und die alten Träume einer Reutlinger Kulturmeile mit Städtischer Galerie, Industriemuseum, franz.K und einem Open-Air-Veranstaltungsplatz endgültig geplatzt.

Zumal der von der Stadtverwaltung offenbar bevorzugte Entwurf der Darmstädter Städteplaner Trojan, Trojan und Partner auf dem Post-Areal, das einst eine Mega-Mall aufnehmen sollte, immer noch mit etwa 10 000 Verkaufsquadratmetern plant. Eine Planung übrigens, die auffällig aktuellen Projekten des Hamburger Einkausfszentren-Entwicklers ECE gleicht, für den die Darmstädter auch gearbeitet haben.

Der Gemeinderat sollte also auf der Hut sein, wenn es um die Zukunft der Nordstadt geht. Auch weil die Stadt einen Zukunftsaspekt, der sich auf der Schiene abspielt, bisher weitgehend vernachlässigt hat: die Regionalstadtbahn. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass sich in der Ausschreibung für den Ideenwettbewerb City Nord keine Silbe zur Schienenanbindung des Nordraums findet. Dabei hatten schon die Altvorderen Oschel-Hagen, Rommelsbach, Oferdingen und Altenburg per Schiene angebunden. Bis zu ihrem Rückbau in den 70er-Jahren verkehrte dort die Linie 3 der Straßenbahn.

Und was damals schon richtig war, ist heute – wie die Aktivisten der Stadtbahninitiative Reutlingen richtigerweise feststellen – fast schon ein Gebot der Stunde. Die Stadt muss in der City Nord eine Trasse freihalten, die den Schienenanschluss des Nordraums zu einem späteren Zeitpunkt ermöglicht.

Denn Reutlingens Zukunft als Wohn- und Gewerbestandort liegt eindeutig dort. Die Nähe zum Großraum Stuttgart hat den Nordraum zur Schokoladenseite der Stadt gemacht. Es tut sich viel Neues dort. Die Bauland- und Mietpreise steigen immer weiter.

Wie sich Reutlinger City mit seiner Einkaufsschlagader Wilhelmstraße weiterentwickeln wird, hängt deshalb nicht zuletzt davon ab, wie der boomende Norden angebunden ist. Die Wege innerhalb der Stadt sollten bequemer sein, als eine Autofahrt nach Stuttgart.

Matthias Stelzer

 erschienen in den Reutlinger Nachrichten am 05.07.2011, hier….

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