Mischflächen, Shared Space und Begegnungszonen, Teil 4

„Verkehrsberuhigter Bereich“: Flexibel einsetzbar

Über 20 Jahre vor der Begegnungszonen-Einführung in der Schweiz und etwa 10 Jahre vor den Erf-Reform der Niederlande wurde in Deutschland eine Regelung etabliert, die den modernen Pendants für Mischflächen weitgehend entspricht: Der o.g. „Verkehrsberuhigte Bereich“. Doch ist er bis vor kurzem kaum außerhalb von Wohnstraßen angewandt worden (allenfalls vereinzelt auf schwach befahrenen Plätzen oder als Kompromisslösung in Einkaufsstraßen, wo die Geschäftsleute Angst vor einer Fußgängerzone haben).

Dagegen gibt es in der Schweiz – warum kann hier nicht vertieft werden – seit der Neuregelung einen Boom von Anwendungsfällen außerhalb von Wohnstraßen. Die neuen Schweizer Projekte sind i.d.R. ästhetisch anspruchsvoller als die meist in der Experimentierphase zur Verkehrsberuhigung (1980/90er) entstandenen deutschen. Sie zeigen:

  • Es gibt großen Bedarf, zentrale Straßenabschnitte / Plätze zu humanisieren.
  • Das ist möglich, sogar mit hoher Gestaltungsqualität.
  • Juristische „Mischverkehrsflächen“ sind auch bei mittlerem Fahrzeugaufkommen machbar.

Leider berücksichtigt die neue deutsche Richtlinie für Anlage von Stadtstraßen (RASt 06) diese Erfahrungen nur teilweise. Die 2007 erschienene RASt 06 enthält den „Entwurfsgrundsatz“, dass die Prinzipien Mischung und (!) weiche Separation (Abgrenzung der Fahrbahn durch Pflasterrinne o.ä.) nur bis zu 400 Kfz/Stunde angewendet werden sollten (i.M. 1 Kfz pro 9 Sekunden; ca. 4.000 Kfz/Tag). Immerhin schließt die Richtlinie eine Anwendung oberhalb des Orientierungswertes nicht aus.

Darüber hinaus kann begründet von Richtlinienvorgaben abgewichen werden (z.B. durch Verweis auf die Begegnungszone Zentralplatz in Biel bzw. die „Shared-Space“-Kreuzung Toorenstraat/ DeDrift/Kaden in Drachten, wo die Kfz-Mengen das Zwei- bis Dreifache betragen). Bei höheren Fahrzeugmengen zieht sich der Fußverkehr zum Verweilen und Längsgehen zwar in den Seitenraum zurück. Dennoch hätte eine Ausweisung als Verkehrsberuhigter Bereich wesentliche Vorteile für das Gehen: Die Fahrgasse kann überall frei, schräg und v. a. bevorrechtigt gequert werden (was wegen der Verlangsamung des Kfz-Verkehrs i.d.R. auch noch angenehmer und sicherer als üblich ist).

Das Straßenverkehrsrecht enthält für „Verkehrsberuhigte Bereiche“ keine Kfz-Mengen-Höchstwerte, ist hier offener als meist angenommen: Die Straßen müssen nur „überwiegend Aufenthalts- und Erschließungsfunktion“ besitzen, was sich nicht einmal am Ausgangszustand orientieren muss. Vielmehr genügt es „insbesondere“, wenn diese Bedingung „durch (!) geschwindigkeitsmindernde Maßnahmen“ erreicht wird (VwV-StVO zu Zeichen 325).

Bezüglich der beim Mischungsprinzip anwendbaren Fahrzeughöchstgeschwindigkeiten ist die StVO („Schrittgeschwindigkeit“) konsequenter als die RASt 06 („unter 30 km/h“). Zwar gibt es in einigen Schweizer „Begegnungszonen“ positive Erfahrungen mit der dortigen 20 km/h-Grenze. Mancherorts ist dieses Tempo aber zu schnell, weshalb ein pauschaler Verzicht auf die Schrittgeschwindigkeit kein Bestandteil einer StVO-Novelle werden darf.

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